Wenn Schweden stiller wird...

Warum wir Herbst und Winter in unserem Haus in Småland besonders mögen

Wenn Menschen an Urlaub in Schweden denken, denken die meisten wahrscheinlich zuerst an den Sommer. An lange Tage, Seen, rote Häuser und Abende, an denen es eigentlich nie richtig dunkel wird. Das können wir gut verstehen. Der schwedische Sommer ist wunderschön und auch unser Haus ist in dieser Zeit meistens gut gebucht. 

Trotzdem sind es gerade der Herbst und der Winter, in denen wir Schweden noch einmal ganz anders erleben. Ruhiger, ursprünglicher und manchmal auch etwas herausfordernder. Die Jahreszeiten sind hier nicht nur eine Veränderung der Temperatur. Sie bestimmen den Alltag, das Licht und vieles von dem, was man draußen und im Haus tut.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum wir diese Zeit so gern mögen.

 

Wenn der Herbst plötzlich leuchtet

Der Herbst in Småland ist nicht einfach nur grau und nass. Natürlich gibt es auch Regentage, matschige Wege und Morgen, an denen man lieber noch eine zweite Tasse Kaffee trinkt, bevor man nach draußen geht. Aber dazwischen liegen Wochen, in denen der Wald in Farben leuchtet, die auf Fotos fast übertrieben wirken.

Die Blätter werden gelb, orange und rot, das Licht steht tiefer und selbst Wege, die wir schon unzählige Male gegangen sind, sehen plötzlich anders aus. Überall wachsen Pilze. Manche erkennen wir, bei anderen beschränken wir uns vorsichtshalber darauf, sie anzuschauen und zu fotografieren. Unsere Pilzkenntnisse reichen noch nicht für schwedische Waldabenteuer mit anschließendem Abendessen.

Auch auf unserem Grundstück verändert sich alles. Die Äpfel an unseren Apfelbäumen sind reif und überall riecht es nach feuchter Erde, Laub, Pilzen und reifem Obst. Es ist schwer zu beschreiben, weil es nicht nur ein einzelner Geruch ist. Es ist eher diese Mischung, bei der man sofort weiß: Jetzt ist wirklich Herbst.

Dann sammeln wir Äpfel ein, schauen, welche Pilze über Nacht wieder aus dem Boden gekommen sind, und fegen Blätter zusammen, obwohl spätestens am nächsten Morgen wieder genauso viele dort liegen. Der schwedische Herbst hält nicht besonders viel von erledigten Gartenarbeiten.

Und trotzdem fühlt sich diese Zeit nicht nach Arbeit an. Man ist automatisch mehr draußen, beobachtet genauer und nimmt Veränderungen wahr, die im normalen Alltag schnell untergehen.

In Schweden erlebt man die Jahreszeiten noch richtig

Was wir an Schweden besonders mögen, ist, dass jede Jahreszeit ihren eigenen Charakter behält. Der Sommer ist hell und lebendig. Der Herbst ist farbig, erdig und ruhig. Und der Winter ist tatsächlich Winter.

Das klingt zunächst selbstverständlich, ist es für uns aber nicht mehr. In Deutschland gehen die Jahreszeiten häufig etwas ineinander über. Der Winter ist vielerorts eher eine längere graue Phase mit Regen, Wind und gelegentlich ein paar Tagen Schnee.

In Småland fühlt sich das anders an. Natürlich gibt es auch hier milde Winter und es liegt nicht automatisch von Dezember bis März eine geschlossene Schneedecke. Aber wenn der Winter kommt, dann merkt man ihn. Am Schnee, am Licht, an der Kälte und daran, dass viele Dinge plötzlich etwas mehr Planung brauchen.

Es gibt Tage, an denen man morgens zuerst wissen möchte, wie viel Schnee über Nacht gefallen ist, bevor man den weiteren Tagesablauf plant. Manchmal sind es nur ein paar Zentimeter. Es können aber auch einmal 60 Zentimeter Neuschnee sein. Dann beginnt der Tag nicht mit einem gemütlichen Spaziergang, sondern mit Schneeschaufel, warmen Handschuhen und der Frage, wo genau gestern eigentlich noch der Weg war.

Das ist anstrengender als ein Winter, der hauptsächlich auf dem Wetterbericht stattfindet. Gleichzeitig bringt es einen der Natur wieder näher. Das Wetter ist nicht nur etwas, über das man spricht. Es hat direkte Auswirkungen darauf, wie der Tag aussieht.

Wenn es um drei Uhr wieder dunkel wird

Eine der größten Veränderungen im schwedischen Winter ist für uns das Licht. An den kürzesten Tagen wird es erst gegen neun Uhr morgens richtig hell und ungefähr um drei Uhr nachmittags schon wieder dunkel.

Das kann im ersten Moment gewöhnungsbedürftig sein. Man schaut am Nachmittag auf die Uhr, draußen ist es bereits dunkel und der eigene Kopf ist überzeugt, dass der Tag eigentlich vorbei sein müsste. Dabei ist es gerade einmal 15 Uhr.

Aber die Schweden gehen mit dieser Dunkelheit auf eine sehr schöne Art um. In fast allen Fenstern stehen Lampen. Keine grellen Deckenleuchten, sondern kleine Leuchten, Sterne und warme Lichtquellen, die man schon von draußen sieht. Gerade in den kleinen Orten entsteht dadurch eine besondere Atmosphäre.

Wenn man am späten Nachmittag durch Målerås fährt, leuchten überall Fenster in der Dunkelheit. Die Häuser wirken warm und bewohnt und selbst ein kalter Winterabend fühlt sich dadurch weniger abweisend an.

Vielleicht ist das einer der Unterschiede zu Deutschland. Die Dunkelheit wird hier nicht bekämpft, als müsste man den Sommer künstlich verlängern. Man macht es sich stattdessen drinnen schön. Lampen werden eingeschaltet, Kerzen angezündet und der Kamin wird warm. Der Winter darf Winter sein.

Auch wir haben inzwischen deutlich mehr Lampen in den Fenstern als früher. Manche Dinge übernimmt man in Schweden erstaunlich schnell. Vor allem, wenn sie gemütlich sind und man dafür keine komplizierte Anleitung auf Schwedisch lesen muss.

Minus 25 Grad sind eine andere Hausnummer

Die niedrigste Temperatur, die wir bisher an unserem Haus erlebt haben, lag bei ungefähr minus 25 Grad. Das ist noch einmal etwas anderes als ein paar frostige Nächte knapp unter null.

Bei solchen Temperaturen verändert sich der Alltag. Man zieht sich nicht nur wärmer an. Man achtet genauer darauf, wie das Haus geheizt wird, ob alle Leitungen geschützt sind und wie schnell Räume wieder auskühlen. Auch das Auto und die Wege rund um das Haus bekommen plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

Unser Haus wurde 1947 gebaut. Es hat deshalb nicht die gleichen energetischen Voraussetzungen wie ein moderner deutscher Neubau mit entsprechendem Effizienzstandard. Unser Haus in Deutschland ist deutlich neuer und energetisch natürlich ganz anders aufgestellt.

Wobei wir uns bei minus 25 Grad durchaus fragen, ob unsere Heizung in Deutschland wirklich souveräner reagieren oder irgendwann einfach beleidigt aufgeben würde. Ausprobieren mussten wir es bisher zum Glück nicht.

In Schweden wissen wir jedenfalls: Ein altes Haus muss im Winter aktiv warm gehalten werden. Unsere Luft-Luft-Wärmepumpe übernimmt einen großen Teil davon, zusätzlich haben wir den Kamin. Trotzdem ist Wärme hier nichts, was einfach unsichtbar aus der Wand kommt und über das man nicht weiter nachdenkt.

Man merkt, wie viel Energie nötig ist, um ein Haus bei tiefen Minustemperaturen warm zu halten. Man holt Holz, kontrolliert die Temperaturen und lernt, welche Räume schneller warm werden als andere. Das ist manchmal weniger komfortabel, aber auch ehrlicher.

Warum wir trotzdem alle paar Wochen kommen

Wir verbringen auch im Herbst und Winter regelmäßig Zeit in unserem Haus. Meistens fahren wir etwa alle vier bis sechs Wochen für ein paar Tage nach Småland.

Wir würden gern häufiger und auch länger bleiben. In der Realität sind wir aber an die Schule unseres Sohnes und an den Beruf meines Mannes gebunden. Ich kann im Homeoffice arbeiten, er leider nicht. Ein spontanes „Dann bleiben wir einfach noch zwei Wochen“ funktioniert deshalb bei uns meistens nur in der Theorie.

Damit wir unsere Aufenthalte etwas verlängern können, haben wir im Haus einen Arbeitsplatz eingerichtet. Dort kann ich meinen Laptop anschließen und ganz normal arbeiten. So müssen wir nicht jeden Aufenthalt vollständig auf Urlaubs- oder Ferientage beschränken.

Für die Zukunft überlegen wir, auch im zweiten Schlafzimmer einen Arbeitsplatz einzurichten. Dann könnten zwei Personen gleichzeitig arbeiten, ohne sich bei Videokonferenzen gegenseitig aus dem Zimmer schicken zu müssen.

Homeoffice ist für uns dabei nicht der eigentliche Grund, nach Schweden zu fahren. Es ist vielmehr die praktische Möglichkeit, Arbeit und Zeit im Haus besser miteinander zu verbinden. Ich kann morgens arbeiten und bin trotzdem mit meiner Familie dort. Nach Feierabend gehen wir eine Runde durch den Wald, machen den Kamin an oder sitzen gemeinsam in der Küche.

Es ist kein Urlaubstag. Aber es fühlt sich trotzdem anders an als ein Arbeitstag zu Hause.

Ein Haus, das bewohnt werden möchte

Wir lieben unser Haus und wären gern viel öfter dort. Gleichzeitig wissen wir, dass das im Moment nicht zu unserem Familienalltag passt. Schule, Arbeit und die Entfernung lassen sich nicht einfach wegorganisieren.

Gerade im Herbst und Winter merken wir deshalb, wie schade es ist, wenn das Haus längere Zeit leer bleibt. Ein Haus fühlt sich anders an, wenn darin gelebt wird. Wenn morgens Kaffee gekocht wird, nasse Schuhe im Flur stehen, der Kamin brennt und abends Licht in den Fenstern leuchtet.

Deshalb würden wir uns freuen, wenn unser Haus in dieser Zeit Menschen findet, die es ähnlich zu schätzen wissen wie wir. Menschen, die nicht nur für wenige Tage anreisen, sondern sich vorstellen können, eine Weile dort zu leben und Schweden auch außerhalb der klassischen Urlaubssaison kennenzulernen.

Nicht, weil jeder Tag im Herbst oder Winter romantisch ist. Es gibt Regen, Dunkelheit, Schnee, Kälte und manchmal ziemlich viel Arbeit mit dem Haus. Aber genau das gehört dazu.

Näher an der Natur, nicht getrennt von ihr

Zeit im schwedischen Herbst und Winter wirkt auf uns bodenständig. Vielleicht auch deshalb, weil vieles etwas ursprünglicher wird.

Wenn es kalt ist, muss das Haus warm gehalten werden. Wenn viel Schnee fällt, muss er geräumt werden. Wenn es früh dunkel wird, verändert sich der Tagesrhythmus. Und wenn draußen ein Sturm durch den Wald zieht, hört man ihn nicht nur irgendwo im Hintergrund. Man nimmt ihn wahr.

Man lebt dadurch weniger neben der Natur und mehr mit ihr. Das Wetter ist keine kleine Information in einer App, sondern etwas, worauf man reagiert. Gleichzeitig nimmt man auch die schönen Dinge viel bewusster wahr: die ersten reifen Äpfel, den Geruch des Waldes, den ersten Schnee oder das warme Licht in den Fenstern, wenn es draußen längst dunkel ist.

Vielleicht tut uns genau das so gut. Nicht, weil in Schweden alles einfacher wäre. Das ist es nicht. Sondern weil vieles unmittelbarer ist.

Der Herbst leuchtet. Der Winter ist dunkel und manchmal sehr kalt. Das Haus braucht Aufmerksamkeit. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb fühlen wir uns dort so verbunden. Schweden zeigt uns in dieser Zeit nicht nur seine gemütliche Seite. Es erinnert uns auch daran, dass wir nicht außerhalb der Jahreszeiten leben. Wir sind ein Teil davon.

Und genau das ist für uns eine der schönsten Seiten dieses Landes.


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